Crowdsourcing hält Einzug in die Strategiearbeit

Dienstag, 10. Juli 2012

Crowdsouring ist längst keine Modeerscheinung mehr, sondern wird zunehmend zur Normalität. Das Konzept, große Gruppen von Leuten mittels Web 2.0 Technologien an der Lösung von Problemen zu beteiligen, wird von Unternehmen mittlerweile in den unterschiedlichsten Bereichen eingesetzt vom Marketing und Branding über Softwareentwicklung bis hin zur Entwicklung neuer, innovativer Technologien (z.B. General Electric‘s Smart Grit Projekt). Eine jüngst veröffentlichte Studie von McKinsey zeigt nun, dass Unternehmen neuerdings auch in der Strategieentwicklung mit Crowdsourcing-Methoden experimentieren. Kerngedanke des von den Autoren der Studie als "social strategy" bezeichneten Prozesses ist es, auch all jene Mitarbeiter zu involvieren, die zuvor von der Festlegung der strategischen Ausrichtung des Unternehmens ausgeschlossen waren.

Überraschend an der Studie ist, dass es sich bei den beispielhaft genannten Unternehmen keineswegs nur um solche handelt, die Crowdsourcing-Methoden längst in ihre Unternehmenskultur integriert haben, wie Wikipedia oder der Open-Source-Spezialist Red Hat. Vielmehr wird das Augenmerk auch auf eher konventionellere Unternehmen gerichtet, die Crowdsourcing neu für ihre Strategiearbeit entdeckt haben. Neben dem niederländischen Versicherer AEGON und dem amerikanischen Rüstungszulieferer Rite-Solutions findet etwa auch der Multi-Technologiekonzern 3M Erwähnung.

Einer der von Führungskräften am häufigsten zitierten Vorteile des Crowdsourcings ist die verbesserte Qualität der entwickelten Strategien. So erhöht die Einbeziehung von Mitarbeitern über Abteilungs-, Hierarchie- und Landesgrenzen hinweg nicht nur die Kreativität, sondern insbesondere die praktische Umsetzbarkeit von Strategien. Ein weiterer Vorteil ist die gesteigerte Identifikation der Mitarbeiter mit den Unternehmenszielen ("Strategic Alignment"). Partizipation hilft den Mitarbeitern die Unternehmensstrategie deutlich besser zu verstehen und motiviert sie, sich aktiv an der erfolgreichen Umsetzung der gemeinsam erarbeiteten Strategie zu beteiligen.

Die von den Unternehmen eingesetzten Social Media Tools sind sehr vielfältig und beinhalten u.a. Wikis, Blogs, Online Diskussionsforen, Chats, Newsletter und, im Falle von Rite-Solutions, sogar Gaming Software. Die konkrete Ausgestaltung des "social strategy" Prozesses fällt von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich aus. Grob lassen sich jedoch zwei Ansätze unterscheiden: Beim ersten werden Teams von Manager und Führungskräften gebildet und beauftragt, eine Reihe von alternativen Strategien zu entwickeln. Anschließend wird allen Mitarbeitern oder einem Querschnitt der Belegschaft Gelegenheit gegeben, zu den eingebrachten Vorschlägen Kommentare abzugeben. Der zweite Ansatz ist eine Art Ideen- oder Innovations-Börse, die es Miterbeitern erlaubt, eigene neue Ideen einzubringen, die zur Identifizierung neuer Märkte oder dem Ausbau bestehender Marktpositionen führen können. Bei international aufgestellten Unternehmen mit mehreren tausend Mitarbeitern stellt die Analyse des abgegebenen Feedbacks und der eingebrachten Ideen natürlich allein schon aufgrund des Volumens eine große Herausforderung dar.

Die Autoren der Studie geben denn auch zu, dass der Einsatz von Crowdsourcing in der Strategiearbeit noch in den Kinderschuhen steckt und mahnen zur Vorsicht beim Experimentieren. Eine definitive "Roadmap" zur Öffnung des Strategieprozesses für die gesamte Belegschaft eines Unternehmens bestehe derzeit nicht. Die Prinzipien, die dem Crowdsourcing zu Grunde liegen, wie Transparenz, radikale Inklusion, Egalitarismus und gegenseitige Bewertung ("Peer-Review") erfordern zudem einen kulturellen Wandel im Unternehmen und verändern die Rolle von Vorständen und Führungskräften. Die bisher erzielten Erfolge, geben jedoch durchaus Anlass zum Nachahmen. So führen die befragten Unternehmen zum Teil beträchtliche Gewinne auf Ideen und Initiativen zurück, die im Rahmen des Mitarbeiter-Crowdsourcing entwickelt wurden. Rite-Solutions beispielsweise gibt an, dass fünfzehn der Ideen, die von Teilnehmern der firmeninternen Ideen-Börse Mutual Fun entwickelt wurden, inzwischen ein Fünftel der gesamten Erlöse des Unternehmens ausmachen. Die Ideen-Börse InnovationLive von 3M führte zur Identifizierung von neun großen neuen Zukunftsmärkten, die Milliarden Umsätze versprechen. Das sind Zahlen, die aufhorchen lassen!