Innovationsmanagement im Wandel

Montag, 03. Juni 2013

Innovationen gelten nach wie vor als wichtigster Treiber für die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens. Der traditionelle Innovationsmanagementansatz westlicher Unternehmen, gekennzeichnet durch einen hohen Ressourceneinsatz, lange Entwicklungszyklen und fehlende Einbeziehung von Kunden und anderen externen Stakeholdern, hat jedoch inzwischen weitgehend ausgedient. Globalisierung, zunehmender Kosten- und Wettbewerbsdruck sowie der Siegeszug des Social Web drängen immer mehr Unternehmen dazu, ihre Vorgehensweisen in Sachen Innovationsmanagement grundsätzlich zu überdenken. Drei anhaltende Trends im Innovationsmanagement wollen wir Ihnen heute vorstellen.

„Frugal Innovation“

Der Begriff „Frugal Innovation“ („sparsame Innovation“) bezeichnet den vorherrschenden Innovationsansatz in Schwellenländern wie Indien, China und Brasilien. Das Prinzip, das dahinter steckt, ist im Grunde recht simple: Mit begrenzten Mitteln einfache aber qualitative hochwertige Produkte zu entwickeln, die exakt auf die Bedürfnisse von Konsumenten mit schmalem Geldbeutel abgestimmt sind. Die Produkte kommen meist ohne jeden überflüssigen Schnickschnack aus, was in deutlichem Gegensatz zu den Innovationsstrategien westlicher Unternehmen steht, die lange Zeit darauf ausgerichtet waren, Produkte mit immer mehr Funktionen und zu entsprechend höheren Preisen zu entwickeln. Diese konsequente Fokussierung auf die absolut wesentlichen Anforderungen reduziert nicht nur erheblich die Entwicklungs- und Produktionskosten sowie die Entwicklungszeiten, sondern fördert auch kreatives Denken über den Tellerrand hinaus. Die Flexibilität und Agilität der Unternehmen wird dadurch deutlich erhöht.

Nachhaltigkeit und soziale Werte stehen für viele Hersteller von sparsamen Produkten ebenfalls an hoher Stelle. Als Beispiel sei hier der Wasserfilter „Swach“ des indischen Konzerns Tata genannt, der nicht nur 50% günstiger ist als das billigste Konkurrenzmodel, sondern auch noch ohne Strom auskommt und das Wasser durch eine Kombination von Reisschalenasche—einem der häufigsten Abfallprodukte in Indien—und Nanopartikel filtert. Damit bietet er Millionen von armen und einkommensschwachen Familien ohne Zugang zu Elektrizität und sauberem Trinkwasser eine günstige und umweltfreundliche Möglichkeit, Wasser für den täglichen Bedarf aufzubereiten.

Experten gehen davon aus, dass Frugal Innovation im globalen Wettbewerb künftig weiter an Bedeutung gewinnen wird. Zum einen werden westliche Unternehmen in Emerging Markets nur dann erfolgreich sein können, wenn sie ebenfalls massentaugliche Value-for-Money Produkte anbieten. Zum anderen besteht auch bei den finanziell verunsicherten und umweltbewussten Mittelschichten in Europa und Nordamerika verstärktes Interesse nach einfachen, nachhaltigen Lösungen. Einige multinationale Konzerne wie General Electric, Philips, Siemens oder Renault haben die Vorteile von Frugal Innovation längst erkannt und bereits erste Erfolge damit erzielt. Ein schönes Beispiel hierfür ist das tragbare EKG-Gerät Mac 400, das von General Electric’s medizinischem Forschungslabor in Bangalore entwickelt wurde. Das Gerät ist mehr als die Hälfte billiger als konventionelle Geräte und leichter zu bedienen. Die Kosten pro Patient konnten dadurch auf gerade einmal einen Dollar pro Patient gesenkt werden. Inzwischen wurde das Produkt auch in den USA erfolgreich auf den Markt gebracht. Schlichtheit und ein verantwortungsvoller Umgang mit Ressourcen werden in Zukunft wichtige Leitbilder für die Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen sein.  


Collective Innovation

Collective Innovation ist im Grunde die logische Weiterentwicklung des Open Innovation Paradigmas (Chesbrough, 2003), das mit Beginn des Internetbooms große Beliebtheit erlangt hat. Der Kerngedanke bestand darin, möglichst viele Menschen in den Innovationsprozess zu integrieren, um neue Ideen und Lösungsvorschläge zu generieren. Neben dem internen Wissen von Mitarbeitern aus allen Unternehmensbereichen sollte auch das externe Wissen von Lieferanten, Universitäten und insbesondere Kunden gezielt abgefragt und zunutze gemacht werden. Befürworter dieses Ansatzes argumentieren, dass sich durch das Anzapfen der „Schwarmintelligenz“ mittels Crowdsourcing Projekten nicht nur die Qualität und Produktivität des Innovationsprozesses erhöhen lässt, sondern zugleich das Risiko von Innovationsflops minimiert werden kann, da Kundenwünsche und -bedürfnisse von Anfang an stärker berücksichtigt werden.

Vertreter aus Wissenschaft und Unternehmenspraxis gelangen jedoch zunehmend zu der Erkenntnis, dass einmalige Projekte zur Ideengenerierung nicht ausreichen, um anspruchsvolle und komplexe Probleme zu lösen. Benötigt werden vielmehr eine langfristige, vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen den Akteuren, die Vernetzung von Wissen sowie die Einbeziehung der Akteure in allen Phasen des Innovationsprozesses von der Ideengenerierung und -auswahl bis hin zur Umsetzung und Markteinführung. Genau dies ist das Ziel des Collective Innovation Ansatzes, der Offenheit und Kollaboration miteinander zu verbinden sucht. Voraussetzung für das Gelingen sind dabei eine effektive Koordination, robustere Tools und Plattformen sowie ausgeklügeltere Anreizsysteme (Hagel et al., 2010). Durch das Interagieren der verschiedenen Akteure findet im Idealfall nicht nur ein bloßer Wissenstransfer statt, sondern es wird neues Wissen geschaffen, was in der Entwicklung wirklich innovativer Produkte münden kann.


Integrierte Innovation

Ein weiterer Trend, der sich immer weiter zu verfestigen scheint, ist die Integration von Innovationsmanagement und strategischer Planung. Um nachhaltige Wettbewerbsvorteile zu erlangen, reicht es heute nicht mehr aus, einzelne Innovationsprojekte effektive und effizient durchzuführen. Vielmehr müssen sämtliche Innovationsvorhaben im Rahmen eines ganzheitlichen, an der übergeordneten Unternehmensstrategie ausgerichteten Portfoliomanagements proaktiv und strukturiert gesteuert werden. Es gilt, strategische Innovationschancen frühzeitig zu identifizieren und gezielt zu nutzen (Heising, 2012).

Laut einer aktuellen Studie von McKinsey (2012) sind Unternehmen, die einen integrierten Innovationsansatz verfolgen, deutlich zufriedener mit ihrer finanziellen Performance als Unternehmen, die dies nicht tun. Die vollständige Integration von Strategie und Innovation scheint für viele Unternehmen jedoch noch eine große Herausforderung darzustellen. So gab lediglich ein Drittel der befragten Unternehmen an, diese bereits realisiert zu haben. Ein Patentrezept für eine erfolgreiche organisatorische Umsetzung gibt es offenbar nicht. Von großer Bedeutung, so der Schluss der Studie, ist allerdings insbesondere die Unterstützung durch das Top Management.


Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Innovationsmanagement im Wandel begriffen ist. Zentrale Aspekte, die auf lange Sicht weiter an Bedeutung gewinnen werden, sind Nachhaltigkeit, die Fokussierung auf reale Kundenbedürfnisse, ein offener und kollaborativer Innovationsprozess sowie ein strukturiertes, strategisches Vorgehen. Einige Unternehmen haben sich diese Prinzipien bereits zu eigen gemacht. Tun Sie es ihnen nach, damit auch Ihr Unternehmen bestmöglich für die Zukunft gerüstet ist!



Literatur

Chesbrough, H. W. (2003): Open innovation: The new imperative for creating and profiting from technology. Boston: Harvard Business School Press.

Eagar, R., v. Oene, F., Boulton, C., Roo, D., & Dekeyser, C. (2011). The future of innovation management: The next 10 years. http://www.adl.com/uploads/tx_extprism/Prism_01-11_Innovation_Management_01.pdf

Hagel, J., Brown, J.S., & Davison, L. (2010). Open innovation's next challenge: Itself. http://blogs.hbr.org/bigshift/2010/02/open-innovations-next-challeng.html

Heising, W. (2012). The integration of ideation and project portfolio management: A key factor for sustainable success. International Journal of Project Management, 30(5), 582-595. http://web.nchu.edu.tw/pweb/users/arborfish/lesson/10330.pdf

McKinsey (2012). Making innovation structures work: McKinsey Global Survey results. http://www.mckinsey.com/insights/innovation/making_innovation_structures_work_mckinsey_global_survey_results