Innovativer dank „Acqui-Hiring“

Montag, 02. Juni 2014

In dynamischen, technologieorientierten Branchen stellt Innovationsfähigkeit eine wichtige, wenn nicht gar die wichtigste Quelle für Wettbewerbsvorteile dar. Innovationen können grundsätzlich auf zwei Wegen entstehen: innerhalb und außerhalb des Unternehmens. Letzteres geschieht meist im Rahmen von Auftragsforschung, in Kooperation mit anderen Firmen oder durch den Kauf von Technologien, Lizenzen und Unternehmensrechten. Ein relativ neuer Ansatz, der jedoch immer beliebter zu werden scheint, ist dagegen das sogenannte „Acqui-hiring“. Hierbei kaufen große etablierte Unternehmen junge, strauchelnde Start-ups nicht wegen ihrer Produkte, sondern um ganze Teams von talentierten und kreativen Mitarbeitern an Board zu holen und dadurch die eigene Innovationskraft zu stärken.

Der Trend kommt aus dem Silicon Valley, wo namhafte Technologieunternehmen wie Google, Facebook, Yahaoo!, Twitter und Salesforce bereits seit einigen Jahren Acqui-hiring betreiben. Facebook CEO Mark Zuckerberg wird gerne mit der 2010 getätigten Aussage zitiert: „Facebook hat nicht ein einziges Mal ein Unternehmen seiner selbst willen gekauft. Wir kaufen Unternehmen, um exzellente Leute zu bekommen.“ Eine aktuelle internationale Studie von McKinsey zum Thema Digitalisierungsstrategien zeigt, dass mittlerweile aber auch Unternehmen aus anderen Branchen beginnen, diesem Trend zu folgen, um für die Chancen und Herausforderungen der digitalen Welt besser gewappnet zu sein.


Was sind die Vorteile von Acqui-Hiring?

Für die Großunternehmen, die die Start-ups kaufen, ergibt sich eine ganze Reihe von Vorteilen:

  • Sie bekommen ein komplettes, gut eingespieltes und innovatives Team, das bereits Erfolge vorweisen kann. Die Zusammenarbeit zwischen den Teammitgliedern muss also nicht erst noch entwickelt und gefördert werden. Die Aufgabe des Unternehmens besteht lediglich darin, die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen. Auf diese Weise lassen sich Innovationszeiten deutlich verkürzen und Kosten einsparen. Gleichzeitig können neue Kompetenzen rasch entwickelt werden, sodass sich Unternehmen in sehr dynamischen Branchen schneller an wandelnde Marktbedingungen anpassen können.

  • Im Gegensatz zu den meisten traditionellen Rekrutierungsstrategien ermöglicht Acqui-Hiring es Großunternehmen, die wirklich innovativen Köpfe und Querdenker für sich zu gewinnen. Diese neigen nämlich häufig dazu, Großunternehmen ihre starren Organisationsstrukturen und strikten Hierarchien wegen zu meiden, und bevorzugen stattdessen Start-ups, weil diese ihnen mehr Freiheiten und Gestaltungsräume für eigenverantwortliches Arbeiten bieten. Ironischerweise werden Querdenker zudem, wenn sie sich denn bei großen Unternehmen bewerben, nicht selten aus dem Bewerberpool ausgesiebt, weil sie angeblich nicht zur Unternehmenskultur passen.

  • Sie bekommen den CEO, der höchstwahrscheinlich persönlich hinter vielen Ideen des Start-ups steckt und einen ausgeprägten Unternehmergeist mitbringt. Die Vertragskonditionen sehen in der Regel vor, dass der CEO ein oder mehr Jahre nach der Übernahme an Bord bleiben muss, anderenfalls verliert er seine Anteile am Unternehmen.

  • Anders als bei Fusionen und Übernahmen werden beim Acqui-Hiring nur die Ingenieurs- und Entwicklungsteams übernommen, alle anderen Mitarbeiter dagegen nicht. Diese kleineren Teams lassen sich deutlich leichter und schneller in das Käuferunternehmen integrieren. Mitarbeiterintegration ist erfahrungsgemäß eine der größten Herausforderungen bei Übernahmen.

Für die aufgekauften Unternehmen stellt Acqui-Hiring eine Exit-Strategie dar. Denn in den meisten Fällen erfolgt die Übernahme, weil dem Start-up schlicht und ergreifend das Geld ausgeht und das Unternehmen höchst wahrscheinlich die nächste Finanzierungsrunde nicht mehr überstehen würde. Der Traum, das nächste Twitter oder Facebook zu werden, stellt sich eben doch nur als Wunschvorstellung heraus. Acqui-Hiring bietet somit eine gangbare Alternative zur Insolvenz. Für die Investoren bringt Acqui-Hiring den Vorteil, dass sie auf diese Weise zumindest einen Teil ihres Geldes wiedersehen. Das Nachsehen haben dagegen die Kunden des Start-up Unternehmens, dessen Produkte und Dienstleistungen meist vom Markt genommen oder nicht mehr länger unterstützt werden.

Erfolgsfaktoren

Im Vergleich zu traditionellen Einstellungsmethoden ist Acqui-hiring nicht gerade billig. Die Kosten werden in der einschlägigen Presse auf ca. eine Millionen Dollar pro Ingenieur geschätzt. Damit sich diese Investition auch langfristig bezahlt macht, sollte daher sichergestellt werden, dass das Acqui-Hiring an die strategischen Unternehmensziele gekoppelt ist. Das heißt, die Auswahl des Übernahmeobjektes sollte wohlüberlegt sein, sodass nur diejenigen Talente bzw. Kompetenzen eingekauft werden, die tatsächlich gebraucht werden, um im künftigen Wettbewerb bestehen zu können.

Ebenfalls unverzichtbar ist die Entwicklung einer entsprechenden Strategie zur Bindung der neuen Mitarbeiter. Neben finanziellen Anreizen sollten den Acqui-hires dabei insbesondere ausreichend Ressourcen und Gestaltungsspielraum für ihre neuen Aufgaben zur Verfügung gestellt werden. Die Herausforderung besteht dabei darin, den Bogen nicht zu überspannen, sodass sich die alten Mitarbeiter gegenüber den neuen nicht benachteiligt fühlen.

Eine gute Strategie vorausgesetzt, kann Acqui-hiring eine Win-win-Situation für beide Seiten darstellen. Es bleibt abzuwarten, ob und inwieweit sich der Trend auch hierzulande weiter durchsetzen wird.