Shareholder-Aktivismus weltweit auf dem Vormarsch: Strategische Herausforderung oder Chance für Unternehmen?

Montag, 30. Mai 2016

Auch in den Chefetagen deutscher börsendotierter Unternehmen geht immer mehr die Angst vor aktivistischen Investoren um. Lautstarken und einflussreichen Anlegern wie Carl Icahn, Bill Ackman, Nelson Peltz, Edward Bramson oder Daniel Loeb, die kleinere Beteiligungen an Unternehmen erwerben und anschließend deren Management massiv unter Druck setzen, die Unternehmensstrategien zu überdenken und kurssteigernde Veränderungen voranzutreiben. Um ihr oberstes Ziel der Shareholder-Value-Maximierung zu erreichen, sind ihnen alle Mittel recht. So drängen sie nicht selten darauf, das Unternehmen aufzuspalten, Kostensenkungsprogramme aufzusetzen, Aktien zurückzukaufen, Barmittel als Sonderdividende an die Aktionäre auszuschütten, dem Management die Boni zu kürzen oder es gleich ganz auszutauschen.

Aktuelle Studien zeigen, dass sich dieser Trend, der ursprünglich von vielen als US-amerikanisches Phänomen abgetan wurde, inzwischen weltweit und branchenübergreifend durchgesetzt hat und wohl nicht mehr zu stoppen sein wird. Sowohl die Anzahl der Engagements aktivistischer Investoren als auch der Umfang des von ihnen verwalteten Kapitals nehmen rasant zu.

Einer Untersuchung der Unternehmensberatung Bain & Company zu Folge stieg die Zahl der Engagements aktivistischer Investoren zwischen 2000 und 2014 weltweit jährlich um durchschnittlich 34%. Allein in den ersten drei Quartalen des vergangenen Jahres waren es nach Angaben der internationalen Wirtschaftskanzlei Linklaters weltweit 860 neue Engagements. Dabei gerät Europa immer mehr in den Fokus der Aktivisten. Seit 2010, so Linklaters, ist dort die Zahl der Engagements um 126% gestiegen. Besonders betroffen sind Unternehmen in Großbritannien, aber auch Frankreich, Österreich, der Schweiz und Irland.

Ins Visier der Aktivisten geraten zudem nicht mehr nur kleinere, angeschlagene Unternehmen, sondern zunehmend auch erfolgreiche und leistungsstarke Konzerne, die nach Ansicht der Aktivisten an den Kapitalmärkten unterbewertet sind. Microsoft, Apple, eBay, Procter & Gamble, PepsiCo, Philips, Hochtief, der Lebensmittelhersteller ConAgra Foods und der weltweit größte Chemiekonzern DuPont zählen zu den prominentesten Beispielen.

Für das betroffene Unternehmen bzw. Management stellt diese ungewollte Einflussnahme von außen zunächst einmal einen Kontrollverlust dar. Wer lässt sich schon gerne in die Karten blicken oder gar vorschreiben, welche Entscheidungen er zu treffen hat? Andererseits: Managementskandale aus der jüngsten Vergangenheit zeigen, dass Unternehmensführungen eben nicht unfehlbar sind und die Einmischung von erfolgreichen Investoren an der einen oder anderen Stelle vielleicht durchaus seine Berechtigung hat. Tatsächlich ist es so, dass wissenschaftliche Untersuchungen bisher zu keinem eindeutigen Ergebnis gelangt sind, ob Shareholder-Aktivismus den Unternehmen nun ab- oder zuträglich ist.

Kritiker wie Martin Lipton bemängeln immer wieder, dass aktivistische Investoren nur auf kurzfristige Gewinne aus sind und allein die Interessen der Shareholder im Blick haben. Die Erreichung langfristiger Unternehmensziele und die Interessen anderer Anspruchsgruppen wie der Mitarbeiter werden dagegen vernachlässigt. „Auf lange Sicht“, sagte er in einem Interview mit Blomberg News, wird Shareholder-Aktivismus „nicht zu einer Verbesserung für die Unternehmen führen“.

Eine großangelegte Studie der Columbia Business School, Harvard Law School und Duke University aus dem vergangenen Jahr, die 2.000 aktivistische Engagements untersuchte, konnte diese These hingegen nicht bestätigen. Im Gegenteil: Die Autoren fanden heraus, dass sich die Bewertung und Kapitalrentabilität der Unternehmen langfristig verbesserte und dieser Trend auch nach Ausscheiden der Aktivisten anhielt.

Eine Ende 2015 veröffentlichte Studie des Wall Street Journals zeigt hingegen, dass sich Shareholder-Aktivismus nur in ungefähr der Hälfte der Fälle positiv auf die Aktienkurse der Unternehmen auswirkt. Von den insgesamt 71 untersuchten Unternehmen konnten lediglich 38 eine Verbesserung der Performance gegenüber Wettbewerbern verzeichnen. Aber auch dieser Vorsprung fiel mit knapp fünf Prozent eher bescheiden aus.

Engagements von aktivistischen Investoren lassen sich also nicht über einen Kamm scheren. Für die einen Unternehmen kann es ein Segen, für die anderen ein Fluch sein.

Bleibt die Frage, wie sich Unternehmen, die die Zügel lieber selbst in der Hand behalten wollen, gegen derlei Avancen zur Wehr setzen können. Zum einen sollten sie ihre Hausaufgaben machen, damit sie gar nicht erst ins Visier von Aktivisten geraten. Das heißt, sie sollten eine solide Strategie entwickeln und regelmäßig auf ihre Aktualität hin überprüfen. Auch sollte sichergestellt werden, dass die Vergütung von Top-Managern im Verhältnis zur Unternehmensperformance steht. Zum anderen sollten Unternehmen den intensiven Austausch mit allen Shareholdern suchen, damit diese sich weniger schnell von womöglich falschen oder überzogenen Zielen und Vorstellungen der Aktivisten anstecken lassen. Die Unternehmensstrategie sollte transparent, verständlich und über möglichst viele Kanäle kommuniziert werden.

Kurz gesagt: Die Gefahr von Shareholder-Aktivismus sollte von Unternehmen proaktiv gemanagt werden. Nur so haben sie eine Chance, auch weiterhin Herr ihrer Lage zu bleiben.