Strategic Intelligence – Eine Begriffserklärung

Montag, 09. Februar 2015

Wie der Strategiebegriff selbst lässt sich auch der Begriff „Strategic Intelligence“ auf das antike Militärwesen zurückführen. So beschrieb bereits vor rund 2.500 Jahren der chinesische General, Stratege und Philosoph Sun Tzu in seinem klassischen Werk „Die Kunst des Krieges“ die besondere Bedeutung des „(Vor)Wissens“ für eine erfolgreiche Kriegsführung mit den berühmten Worten:

„Was den weisen Herrscher und den erfahrenen Heerführer in die Lage versetzt, Siege zu erringen und Dinge zu vollbringen, die außerhalb der Vorstellungskraft der Massen liegen, ist die Vorausschau.“

In der Unternehmenswelt wird Strategic Intelligence seit den 1980er Jahren in mehr oder weniger formalisierter Form eingesetzt. Seit einigen Jahren beschäftigt sich auch die Wissenschaft wieder vermehrt mit dem Thema (Johannesson & Palona, 2010; Xu & Kaye, 2010; Xu & Kaye, 2007; Liebowitz, 2006; Lonnqvist & Pirttimaki, 2006; April & Bessa, 2006; u.a.). Eine einheitliche Begriffsdefinition existiert allerdings nach wie vor nicht. Verstärkt wird die babylonische Verwirrung zudem dadurch, dass Strategic Intelligence häufig synonym mit anderen Begriffen wie Business Intelligence, Competitive Intelligence und Market Intelligence gebraucht wird und auch der europäische und amerikanische Sprachgebrauch voneinander abweichen.

Eine sehr eingängige Definition liefert Xu (2007): „Strategic intelligence is about having the right information in the hands of the right people at the right time so that those people are able to make informed business decisions about the future of the business.” Etwas genauer betrachtet weist Strategic Intelligence die folgenden Merkmale auf:

  • Das primäre Ziel der Strategic Intelligence liegt in der Unterstützung und Verbesserung der strategischen Entscheidungsfindung im Unternehmen durch die Bereitstellung relevanter strategischer Informationen.

  • Strategic Intelligence ist zukunftsorientiert. Sie ermöglicht es Unternehmen, fundierte Entscheidungen bezüglich der künftigen Bedingungen in ihrem jeweiligen Markt bzw. Industrie zu treffen.

  • Strategic Intelligence liefert Informationen über das gesamte interne und externe Unternehmensumfeld. Dadurch hilft sie Unternehmen, zu einer realistischen Einschätzung der potenziellen Veränderungen, Chancen und Risiken im Unternehmensumfeld sowie der eigenen Stärken und Schwächen zu gelangen und ihre Strategie an die jeweiligen Gegebenheiten bestmöglich anzupassen.

  • Strategic Intelligence nimmt eine Frühwarnfunktion wahr, indem sie Unternehmen hilft, sich entwickelnde Trends und Muster frühzeitig zu erkennen und entsprechend darauf zu reagieren. Trends und wirkungsstarke Veränderungen im Unternehmensumfeld kündigen sich häufig durch sogenannte „schwache Signale“ an, die nur in qualitativer Form vorliegen und erst miteinander verknüpft werden müssen, um richtig gedeutet werden zu können. Der Erfassung und Analyse weicher, qualitativer Daten kommt im Rahmen der Strategic Intelligence somit eine besondere Bedeutung zu.

  • Die 360-Gradsicht von Strategic Intelligence hilft langgehegte Annahmen und Sichtweisen des Managements zu hinterfragen und sogenannte „blinde Flecken” (blind spots) zu identifizieren und eliminieren. Als blinde Flecken werden nach Porter (1980) Faktoren bezeichnet, die ein Unternehmen entweder gar nicht wahrnimmt, missinterpretiert, in ihrer Bedeutung unterschätzt oder aber zu langsam wahrnimmt. Dies kann die Qualität von strategischen Entscheidungen und die Agilität des Unternehmens negativ beeinflussen.

  • Strategic Intelligence ist ein systematischer und kontinuierlicher Prozess. Der Intelligence-Zyklus lässt sich allgemein in folgende Stufen einteilen:

    1) Ermittlung des Informationsbedarfs, Festlegung der Anforderungen und Planung des Vorgehens
    2) Erhebung, Verarbeitung und Speicherung der Rohdaten und Informationen
    3) Filterung und Analyse der gesammelten Rohdaten und Informationen in Hinblick auf Trends und Muster und Ergänzung durch eigene Einschätzungen und Interpretationen; in diesem Schritt erfolgt die Transformation von Informationen in Wissen
    4) Darstellung und Verbreitung des gewonnenen Wissens an die jeweiligen Adressaten und
    5) Evaluation, Kontrolle und gegebenenfalls Anpassung des Prozesses basierend auf dem Feedback der Adressaten.

  • Strategic Intelligence liefert umsetzbare Erkenntnisse über das Geschäftsumfeld und Handlungsanweisungen in Form von Managementreporten.

  • Strategic Intelligence adressiert in erster Linie die Informationsbedürfnisse von Führungskräften, die in strategische Entscheidungsprozesse involviert sind.

  • Strategic Intelligence ist eine legal zulässige und ethisch vertretbare Geschäftspraktik und keinesfalls mit Industriespionage zu verwechseln. Es werden ausschließlich legal zugängliche Informationen gesammelt und ausgewertet.

  • Strategic Intelligence basiert auf dem Einsatz von Spezialsoftware, die eine effektive und effiziente Nutzung und Verbreitung strategisch relevanter Informationen an ausgewählte Adressaten ermöglicht.

  • Nicht zuletzt stellt Strategic Intelligence einen Wettbewerbsvorteil dar, da sie Unternehmen erlaubt früher als die Konkurrenz auf sich andeutende Entwicklungen im Unternehmensumfeld zu reagieren.


Kurz gesagt: Strategic Intelligence ist ein systematischer, kontinuierlicher und IT-gestützter Prozess, um legal zugängliche, strategisch relevante Informationen über das interne und externe Unternehmensumfeld zu sammeln, analysieren und zu verbreiten und dadurch Strategieverantwortlichen zu helfen, fundiertere Entscheidungen über die künftige strategische Ausrichtung des Unternehmens zu treffen, langgehegte Annahmen zu hinterfragen und sich ergebende Wachstumschancen schneller und besser identifizieren und nutzen zu können.



 

Literatur

April, K., & Bessa, J. (2006). A critique of the strategic competitive intelligence process within a global energy multinational. Problems and Perspectives in Management, 4(2), 86-99.

Johannesson, J., & Palona, I. (2010). Environmental turbulence and the success of a firm’s intelligence strategy: Development of research instruments. International Journal of Management, 27(3), Part 1.

Liebowitz, J. (2006). Strategic intelligence: Business intelligence, competitive intelligence, and knowledge management. Boca Raton: Auerbach Publications.
 
Lönnqvist, A. & Pirttimäki, V. (2006, Winter). The measurement of business intelligence. Information Systems Management Journal, 32-40.

Porter, M.E. (1980). Competitive strategy: Techniques for analyzing industries and competitors. New York: Free Press.

Xu, M., & Kaye, G.R. (2010). An integrative framework for strategic intelligence. International Journal of Strategic Information Technology and Applications, 1(4), 1-18.

Xu, M. (2007). Managing strategic intelligence: Techniques and technologies. Hershey, PA: Information Science Reference.