Zusammenarbeit statt Wettbewerb – Strategische Partnerschaften zwischen etablierten Finanzdienstleistern und Fintechs im Aufwind

Dienstag, 16. August 2016

„Wenn du deinen Feind nicht besiegen kannst, dann mache ihn dir zum Freund“ heißt eine alte Volksweisheit. Diesen Rat sollten sich laut aktuellen Studien wohl auch traditionelle Finanzdienstleister im Umgang mit Fintechs zu Herzen nehmen. Fintechs, sprich junge Start-ups aber auch bereits etabliertere Unternehmen aus anderen Branchen, die mit Hilfe des Einsatzes moderner Technologien neuartige und kostengünstige Finanzprodukte und –dienstleistungen anbieten, bringen die klassischen Banken und Versicherer mit ihren sehr komplexen, starren und kostenintensiven Strukturen schon seit einiger Zeit in Bedrängnis.

Schätzungen zu Folge gibt es zwischen 5.000 und 6.000 Fintechs weltweit, die in den unterschiedlichsten Anwendungsbereichen vom mobilen Bezahlen, Sparen, Anlegen, Finanzieren, Vorsorgen, Beraten bis hin zur Vermögensverwaltung tätig sind. Allein im ersten Quartal 2016 wurden laut einer Studie der Unternehmensberatung Accenture weltweit 5,3 Milliarden US Dollar in Fintechs investiert—eine Steigerung von 67 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum. In Europa und Asien haben sich die Investitionen in Fintech-Unternehmen auf 62 % nahezu verdoppelt.

Während bisher aber vor allem disruptive Fintechs vorherrschend waren, die mit den etablierten Akteuren unmittelbar um Kunden und Marktanteile konkurrierten, zeichnet sich nun ein gegenläufiger Trend ab: kooperative Fintechs, die sich an institutionelle Finanzdienstleister als Hauptkunden richten und ihnen innovative Lösungen anbieten, die ihnen helfen, ihre Marktpositionen zu verbessern. Im Rahmen solcher partnerschaftlichen B2B-Beziehungen behalten die Banken und Versicherer die Kontrolle über die Kundenbeziehungen—ein entscheidender Vorteil. Darüber hinaus bieten Partnerschaften ihnen neue Chancen in Bezug auf eine verbesserte Kostenkontrolle, Kapitalallokation, Gewinngenerierung, Kundenakquise, -loyalität und –wahrnehmung und damit letztlich eine verbesserte Wettbewerbsfähigkeit gegenüber disruptiven Fintechs, die sie vom Markt verdrängen wollen.

„Die Struktur der Fintech Branche ist in Veränderung begriffen und [...] es entwickelt sich ein neuer Kooperationsgeist zwischen Fintechs und etablierten Unternehmen“, heißt es in einer jüngst veröffentlichten McKinsey Studie, die über 3.000 Fintechs weltweit untersuchte. Der Anteil neugegründeter Fintechs mit B2B-Angeboten ist demnach weltweit von 34 % in 2011 auf 47 % in 2015 gestiegen.

Die zitierte Accenture Studie kommt zu ganz ähnlichen Ergebnissen. Danach sind die Investitionen in kooperative Fintech-Start-ups im letzten Jahr um 138 % gestiegen und machen nun 44 % aller Fintech-Investitionen aus. Allerdings zeichnen sich hier deutliche regionale Unterschiede ab. Während in Nordamerika die Investitionen im B2B-Fintech Bereich zwischen 2011 und 2015 von 40 % auf 60 % geklettert sind, zeigt sich in Europa eine gegenteilige Entwicklung: Hier stiegen im gleichen Zeitraum die Investitionen in disruptive Fintechs von 62 % auf stolze 86 % an. Dies lässt sich jedoch mit dem noch frühen Entwicklungsstadium des Fintech-Markts in Europa—mit Ausnahme Londons—erklären, so Julian Skan, Fintech-Experte bei Accenture. Es ist davon auszugehen, dass mit zunehmendem Reifegrad des Marktes auch hierzulande der Anteil der kooperativ ausgerichteten Fintechs und der Grad der Zusammenarbeit mit traditionellen Finanzdienstleistern über Investitionen, Akquisitionen und Allianzen zunehmen wird.

Ein ebenfalls interessantes Ergebnis der Accenture Studie ist, dass obwohl der Anteil der kooperativen Fintechs deutlich zugenommen hat, das Venture-Investing der Banken selbst eher gering ausfällt. Letztes Jahr haben sich Banken lediglich mit knapp fünf Milliarden US Dollar an weniger als 10 % aller Fintech-Deals beteiligt. Im Vergleich zu den über 50 Milliarden, die sie im gleichen Zeitraum für IT-Investitionen ausgaben, ist dies eher bescheiden.

Nichtsdestotrotz zeigen die Studien eindeutig, dass der Wille zur Zusammenarbeit auf beiden Seiten wächst. Dies gilt insbesondere für den stark regulierten und sehr kapitalintensiven Bereich des Geschäfts- und Investmentbankings, der ungefähr 15 % des gesamten Fintech-Marktes ausmacht. Laut der McKinsey Studie versuchen in diesem Bereich lediglich 21 % der Fintechs sich zwischen die traditionellen Finanzdienstleister und ihre Kunden zu drängen, und weniger als 12 % haben tatsächlich zum Ziel, die existierenden Geschäftsmodelle durch den Einsatz neuer Technologien obsolet zu machen.

Angesichts der großen Vielzahl an Fintechs und der hohen Komplexität und Kosten einer Zusammenarbeit wird die eigentliche strategische Herausforderung für die traditionellen Banken und Versicherer künftig wohl darin bestehen, die richtigen Fintech-Partner und Kooperationsmodelle zu finden, um daraus einen wirklichen Mehrwert für ihre Kunden generieren zu können und langfristig relevant zu bleiben.