Strategisches Risikomanagement im Aufwind - Weltwirtschaftsforum veröffentlicht jährlichen Risikobericht

Donnerstag, 23. Januar 2014

Dieser Tage geben sich wieder einmal Spitzenpolitiker, Topmanager, hochrangige Wissenschaftler und Intellektuelle aus aller Welt im schweizerischen Davos die Ehre, um beim traditionellen Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums über aktuelle globale Herausforderungen zu diskutieren. Bereits im Vorfeld der Veranstaltung hat das Weltwirtschaftsforum seinen diesjährigen Global Risks Report veröffentlicht. Neben einer Prognose der zu erwartenden Risiken greift der Bericht auch aktuelle Trends im Risikomanagement auf und schlägt Strategien vor, wie Unternehmen ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber den Schockwirkungen systemischer globaler Risiken erhöhen können.

Die globale Risikolandkarte 2014

Der Global Risks Report analysiert die Ergebnisse einer groß angelegten Umfrage, die das Weltwirtschaftsforum gemeinsam mit mehreren universitären und außeruniversitären Partnern im Oktober und November vergangen Jahres durchgeführt hat. Dabei wurden über 700 internationale Führungskräfte und Entscheidungsträger zu 31 möglichen Risiken aus den Bereichen Wirtschaft, Umwelt, Geopolitik, Gesellschaft und Technologie befragt. Als die ihrer Meinung nach zehn größten globalen Risiken für 2014 identifizierten die Experten:

1. Finanzkrisen in wichtigen Volkswirtschaften
2. Strukturell hohe Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung
3. Wasserkrisen
4. Starke Einkommensdisparitäten
5. Versagen im Klimaschutz und der Anpassung an den Klimawandel  
6. Vermehrtes Auftreten extremer Wetterereignisse (z.B. Überschwemmungen, Stürme, Brände)
7. Versagen von Global Governance
8. Nahrungsmittelkrisen
9. Versagen eine(s) bedeutende(n) Finanzmechanismus/-institution
10. Tiefgreifende politische und soziale Unsicherheit

Damit dominieren wirtschaftliche, soziale und ökologische Risiken die Rangliste. Technologische Herausforderungen schafften es dagegen nicht unter die Top 10.

Zu den globalen Risiken mit der nach Ansicht der Experten höchsten Eintrittswahrscheinlichkeit innerhalb der nächsten zehn Jahre und dem zugleich größten Schadenspotenzial zählten ebenfalls mehrheitlich wirtschaftliche, soziale und ökologische Herausforderungen, wie Finanzkrisen in wichtigen Volkswirtschaften, strukturell hohe Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung, starke Einkommensdisparitäten, Versagen im Klimaschutz und der Anpassung an den Klimawandel, Wasserkrisen und das vermehrte Auftreten extremer Wetterereignissen. Aber auch die Gefahr von Cyber Attacken wurde als relativ hoch eingeschätzt.

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Quelle: World Economic Forum

Abb. 1 Globale Risikolandkarte 2014

Der Bericht benennt jedoch nicht nur die einzelnen Risiken, sondern zeigt auch das sehr komplexe Geflecht der Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen diesen auf (Abb. 2). Dies „unterstreicht die Notwendigkeit für effektive Global Governance sowie ein besseres Verständnis von Ursache und Wirkungen, um in der Lage zu sein, sich auf diese Risiken vorzubereiten, sie abzumildern und die Widerstandsfähigkeit ihnen gegenüber zu erhöhen“, so die Autoren der Studie. Risiken, die von den Experten als die am stärksten Verwobenen mit anderen Risiken angesehen wurden, waren makroökonomischer Natur—Finanzkrisen und strukturelle Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung. Wobei ein enger Zusammenhang zwischen makroökonomischen und sozialen Fragen, wie steigende Einkommensunterschiede und soziale Unsicherheit, festzustellen ist.

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Quelle: World Economic Forum

Abb. 2 Verwobenheit globaler Risiken 2014


Aktuelle Trends im Risikomanagement

Risikomanagement hat in den vergangenen Jahren branchenübergreifend deutlich an Bedeutung gewonnen, stellt der Bericht fest. Dabei gehe allgemein „der Trend weg von der technischen Planung individueller Risiken und hin zu einer ganzheitlichen Planung für eine Bandbreite unspezifischer Risiken“, so die Einschätzung der Autoren. Die Ursache für diese Entwicklung sehen sie darin, dass eine wahre Flut von Krisen und Katastrophen Manager zu der Erkenntnis geführt hätten, dass die Globalisierung auch ihre Schattenseiten berge. Wechselseitige Abhängigkeiten und die große Vernetzung haben Unternehmen verwundbarer gemacht denn je. Gleichzeitig sind Risiken weniger leicht vorherzusehen.

Ein weiterer damit zusammenhängender Trend ist, dass das Risikomanagement verstärkt aus „strategischer und unternehmensweiter Perspektive“ angegangen wird. Dies zeigt sich insbesondere darin, dass immer mehr Unternehmen die Position eines Chief Risk Officers schaffen, der unmittelbar dem CEO und Vorstand gegenüber verantwortlich ist. Im Gegensatz zu der Betrachtung von Risiken auf Abteilungsebene, ermögliche diese Art der Zentralisierung einen ganzheitlicheren Ansatz, schließen die Autoren.

Der Risikoanalyse– und Risikomanagementprozess ist laut Umfrage in den meisten Unternehmen weitgehend ähnlich (Abb. 3). Allerdings bestehen bezüglich der Herangehensweise an die einzelnen Prozessschritte zum Teile große Unterschiede. Während beispielsweise manche führenden Unternehmen nach wie vor hauptsächlich auf qualitative Analysenmethoden, wie Meetings und Diskussionen, setzen, versuchen andere formalere Techniken anzuwenden, etwa die Szenarioanalyse, Stresstests oder Ranking/Scoring Metriken. Spezialsoftware für strategisches Risikomanagement wird dagegen bisher nur von wenigen Unternehmen eingesetzt.

Den aktuellen Entwicklungsstand fassen die Autoren wie folgt zusammen: „In den meisten Firmen ist die Risikobewertung nunmehr ein hoch formalisierter Prozess, der systematisch und regelmäßig durchgeführt wird, sei es jährlich, vierteljährlich, monatlich oder fortlaufend. In einigen Unternehmen ist die Risikobewertung Teil des Prozesses, durch den die Geschäftsführung die Bereitschaft des Unternehmens definiert, bestimmte Risiken im Rahmen der übergeordneten Unternehmensstrategie zu übernehmen.“

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Quelle: World Economic Forum
Abb. 3 Risikoanalyse – und Risikomanagementprozess

 
Strategien für den Umgang mit den globalen Risiken der kommenden Jahre

Um das Auftreten und die Auswirkungen globaler Risiken künftig so gering wie möglich zu halten, schlägt der Bericht eine engere strategische Zusammenarbeit zwischen Unternehmen bzw. Wettbewerbern, Regierungen, Forschungsinstitutionen und der Zivilgesellschaft vor. „Der öffentliche und private Sektor müssen Kanäle für strukturierte Kommunikation, Interaktion und Koordination schaffen, um Risiken umfassender zu verstehen, bevor sie sich manifestieren, und effektiver zu bewältigen, wenn sie dies tun“, heißt es im Bericht. Ein solcher Dialog ermögliche nicht nur gegenseitiges Lernen, sondern schaffe auch wertvolles Vertrauen. Erste Anzeichen eines kulturellen Wandels hin zu öffentlich-privaten Partnerschaften in der Bewältigung von Katastrophen seien bereits erkennbar.

Ebenfalls von zentraler Bedeutung für den weiteren Fortschritt im Bereich Risikomanagement sei es, eine „Kultur langfristigen Denkens“ innerhalb des Unternehmens zu schaffen, statt immer nur auf die Quartalszahlen zu schielen. Die Schaffung der Position eines Chief Risk Officers, der sich speziell dieser Aufgabe widmet, sei bereits ein Schritt in die richtige Richtung. Dieser müsse aber noch durch zusätzliche Maßnahmen, wie etwa die Umstellung der Anreizsysteme für Manager, flankiert werden.

Globale Risiken betreffen uns alle in der einen oder anderen zumeist unerwarteten Weise. Um diese Risiken und ihre potenziellen Auswirkungen besser prognostizieren, verstehen und bewältigen zu können, bedarf es an scharfer Beobachtungs- und Analysefähigkeit, einer ganzheitlichen Herangehensweise, Weitsicht und enger Zusammenarbeit zwischen den wichtigsten Stakeholdern. So oder so ähnlich könnte das Fazit des Global Risks 2014 Report heißen.

Den vollständigen Bericht finden Sie auf der Webseite des Weltwirtschaftsforums.