Start-ups als Innovationsmotor des Mittelstands

Donnerstag, 27. Juni 2019

Ein Gastbeitrag von Julian van der Linden
 

Viele Inhaber, Geschäftsführer und Führungskräfte – egal ob im DAX-Konzern, im Mittelstand oder im familiengeführten, kleineren Betrieb – haben Probleme mit der Innovationsfähigkeit des eigenen Unternehmens. Die große Mehrheit der Unternehmen ist sich sicher, dass „Innovation wichtig ist“ und dass man selbst eigentlich recht innovativ sei. Und dennoch greift die Sorge um sich, der eigene Markt und das eigene Geschäftsmodell könnten disrupiert werden.

Warum ist das so? Vor allem deswegen, weil die überwiegende Zahl der Unternehmen – zumeist wohl eher unbewusst – auf sogenannte inkrementelle Innovationen fokussieren, also kleine, einfache, evolutionäre Verbesserungen an bestehenden Produkten oder Dienstleistungen und Services. Dies führt zu neuen Produktvarianten, Serviceverbesserungen, manchmal auch zu Produktivitätssteigerungen und hin und wieder auch zu Innovationen, die ich als „Marketing-Innovationen“ (klingt gut, ist aber nicht wirklich neu) bezeichne.

Schwierigkeiten bereitet auch das sogenannte „Not invented here-Syndrom“ – anstatt gute Ideen von außen aufzunehmen und zu adaptieren, verlassen sich Unternehmen zu stark darauf, dass Innovationen aus den Reihen der Mitarbeiter und in der Zusammenarbeit mit den Kunden entstehen werden. Dieser Fokus auf das „eigene Erfinden“ ist nachvollziehbar und unbestritten ein guter Weg – für radikales Neudenken und gänzlich neue Ideen und Herangehensweisen braucht es aber andere Impulse.

Mittelstand & Start-ups


Mittelstand und Start-upsAls Begleiter und Strategieberater für mittelständische Familienunternehmen fällt mir auf, dass sehr wenige Unternehmen mit Start-ups zusammenarbeiten, Partnerschaften mit ihnen schließen oder sich gar an einzelnen Start-ups beteiligen. Ich denke allerdings, dass eine solche Kooperation „Mittelstand & Start-up“ genau für die nötigen Impulse sorgen kann, um der eigenen Innovationsfähigkeit einen neuen Schub zu geben. Im Sinne einer nachhaltig gesteigerten Zukunftsfähigkeit für das eigene Unternehmen erscheint es strategisch klug und langfristig risikobewusst, das Geschäftsmodell des eigenen, heute erfolgreichen Unternehmens abzusichern und zu ergänzen. Dafür braucht es in vielen der eher „klassischen“ Branchen aber die passenden digitalen Geschäftsmodelle, den Zugang zu neuen, tech- und social media-affinen Nutzer- und Kundengruppen und/oder datengestützte Dienste.

Warum sich also nicht an Start-ups beteiligen oder mit diesen langfristig kooperieren, bevor sie zur Gefahr für das eigene Unternehmen werden können? Start-ups können die neue Form der Forschung und Entwicklung für etablierte Unternehmen sein – mit Fokus auf das Vernetzen der richtigen Teams untereinander und das kooperative Schaffen und Weiterentwickeln der Leistungsangebote (Produkte, Services, Customer Experience, etc.) für die Kundengruppen von heute und morgen.

Sollte Ihnen der Gedanke gefallen, mit einem oder mehreren Start-ups zu kooperieren, dann fordere ich Sie auf, sich die folgenden Fragen zu stellen – es wird ein erstes Zielbild entstehen, dass einen ersten Ansatz vorgibt, wie Sie Start-ups als Innovationsmotor für Ihr Unternehmen nutzen können.

  • Was will ich durch eine Zusammenarbeit an einem Start-up erreichen? Was soll als Ergebnis herauskommen? Und was sind meine strategischen Ziele hinsichtlich Wachstum, Rendite-Steigerung und Risiko-Optimierung?
  • Welchen Zeithorizont erwarte ich mir, um ein Ergebnis (das den obenstehenden Erwartungen entspricht) zu erhalten? Kurz- (1 bis 3 Jahre), mittel- (3 bis 5 Jahre) oder langfristig (5 bis 7 Jahre)?
  • Soll eine Zusammenarbeit eher auf losen Kontakten aufbauen, projektbezogen sein, im Rahmen eines Kunden-Lieferanten-Verhältnisses ablaufen oder ist gar eine Beteiligung denkbar?

Möglichkeiten zur Kooperation


Möglichkeiten zur Kooperation von Mittelstand und Start-upsÜber die Antworten zu diesen Fragen sollte klarer werden, worum es Ihnen bei einer Kooperation Mittelstand & Start-up geht: um neuartige und agile Arbeitsweisen, oder um die Entwicklung und Anwendung von Technologie und digitalen Geschäftsmodellen, um das Erschließen neuer Geschäftsfelder und Wachstumsmöglichkeiten oder um das Investment in die potenziell renditeträchtigen Branchen von morgen. Daneben sollten Sie auch thematisch eingrenzen: Sind eher Technologien in Ihrem Fokus, oder Branchen, oder Anwendungen und bestimmte Kundengruppen?

Dieses erste Zielbild lässt sich über die Parameter „Intensität“ einer Kooperation sowie das wahrgenommene, subjektive „Risiko“ einer Kooperation gegenprüfen. Anhand dieser Parameter unterscheiden wir unterschiedliche Stoßrichtungen und Formen von Kooperationen – wobei alle Formen im Laufe einer längeren Beziehung zwischen Start-up und Unternehmen durchlaufen werden können. So kann es durchaus erst einmal spannend sein, die sogenannten „Unterstützungsmodelle“ (meist formlos und mit geringem Kapitaleinsatz, zum Netzwerkaufbau bzw. zum Informations- und Wissensaustausch) zu nutzen, bevor die echten „Kooperationsmodelle“ (zum Zugang zu neuen Technologien und Wettbewerbsvorteilen, zum Aufteilen von Kosten und Risiken) oder gar die „Investitionsmodelle“ zur Anwendung kommen, um Ihre Kooperation Mittelstand &Start-up zu formen.

Abbildung: Formen der Kooperation
Abbildung: Formen der Kooperation.

Wer richtig suchet, der findet


Sie wissen, dass Sie mit einem Start-up kooperieren wollen, Sie wissen, wie eine solche Kooperation aussehen soll – aber wo finden Sie nun das entsprechende Start-up? Mit der Beantwortung der bereits gestellten Fragen fällt die Auswahl an Suchmöglichkeiten einfacher – allerdings ist für diesen Findungsprozess ein langer Atem und kontinuierliche Beziehungspflege nötig.

Im ersten Schritt empfiehlt sich die regelmäßige Lektüre von Brancheninformationen, meist praktisch als Newsletter verpackt, wie beispielsweise Gründerszene, deutsche-startups.de, die „Gründer“-Seite der WirtschaftsWoche oder CB Insights mit US-amerikanischem Fokus.

Der zweite und wichtigste Schritt: Leute treffen – egal ob Gründer, Leute mit verrückten Ideen, Kapitalgeber, Business Angels, etc., um an Ideen, Impulse und Kontakte zu kommen. In den meisten Regionen gibt es mittlerweile eine „Szene“ von unterschiedlichen Treffen, Konferenzen und Formaten, die es wert sind, besucht zu werden – je nach Passgenauigkeit Ihres Vorhabens.

Über diese Veranstaltungen funktioniert auch gut der dritte Schritt: Kontakt zu den sogenannten „Acceleratoren“ aufbauen, also zu Anbietern und Programmen zur Identifikation, Auswahl und Unterstützung von Start-ups bei deren Weiterentwicklung und Skalierung, wie beispielsweise der ZOLLHOF – Tech Incubator aus Nürnberg mit seinem sehr großen Veranstaltungsspektrum.

Es gibt viele Ansatzpunkte, die Sie nutzen können, um mit Start-ups in Kontakt zu kommen – und vermutlich werden Sie damit einen Vorsprung aufbauen, denn laut Bitkom-Studie kümmern sich Geschäftsführer nicht um Start-up-Kooperationen (73 % geben an, keinen Kontakt zu Start-ups zu haben).

Start-up als Innovationsmotor


Start-up als InnovationsmotorAlle diese Anregungen garantieren keinen Erfolg, aber aus unserer Beraterpraxis kennen wir Beispiele, bei denen Start-up-Kooperationen als wahre Innovationsmotoren gewirkt haben.

Einer unserer Kunden – ein mittelständisches Familienunternehmen aus Deutschland, fokussiert auf Lösungen in der Sicherheitstechnik – kooperiert mit dem Start-up Dedrone (gegründet 2015, mittlerweile mehr als 75 Mitarbeiter in Deutschland und USA), welches Lösungen zur Überwachung des Luftraums und zur Drohnenabwehr entwickelt – beispielsweise für Flughäfen. Ein großer Schritt für unseren Kunden, der sich selbst als eher traditionell geprägt beschreibt.

Wie wirkt sich diese Kooperation nun aus? Der innovative Schub ist in zweierlei Hinsicht zu beobachten: Einerseits konnte unser Kunde seine Wahrnehmung im Markt verbessern und das leicht „angestaubte“ Image des Sicherheitstechnikers bei Kunden und Marktbegleitern „aufpolieren“. Zudem konnte das eigene Leistungsspektrum deutlich erweitert werden bezüglich Anwendungen, die derzeit noch wenig besetzt sind, aber einen internationalen Milliarden-Markt versprechen.


Bildnachweis (von oben):

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© WeissmanGruppe I eigene Darstellung, angelehnt an Deloitte (2017): „Shake it up – Kooperationen zwischen Mittelstand und Start-Ups“ und IfM Bonn (2017): Kooperationen zwischen etabliertem Mittelstand und Start-ups
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Über den Autor

Julian van der LindenJulian van der Linden ist Projektleiter bei der WeissmanGruppe. Mit den Schwerpunkten Strategieentwicklung für Unternehmen und Unternehmensgruppen, Organisationsentwicklung, Innovationsmanagement sowie Projektmanagement und Umsetzungsbegleitung begleitet er Familienunternehmen dabei, strategisch besser zu entscheiden und spürbar vorwärts zu kommen.